Digitalisierung und Innovation / 20.01.2021 / Klaus Kudjakov

Welche Updates brauchen Kernbankensysteme?

Im Kernbankensystem (Core Banking System – CBS) spielt sich die digitale Bearbeitung der fachlichen Kernprozesse einer Bank ab. Die vorliegende Artikelserie beschäftigt sich mit der Frage, welche Modernisierungsschritte bei vorhandenen Kernbanksysteme notwendig sind, damit sie die Anforderungen aktueller Markt- und Technologie-Trends erfüllen. Teil 2 zeigt anhand des technologischen Stands bestehender (Legacy-)Kernbankensysteme auf, an welchen Punkten Modernisierungsinitiativen ansetzen sollten.

Der Status quo bestehender Kernbankensysteme

Traditionellen Banken betreiben heute Kernbankensysteme, die über viele Jahre hinweg gewachsen sind. Um den aktuellen Herausforderungen digitaler Märkte gewachsen zu sein, müssen sie ihre IT-Strukturen neu aufstellen. Doch an welchen Stellen sollten Digitalisierungsinitiativen ansetzen? Hierzu sehen wir uns zunächst die die Ausgangslage an. Bei Grossbanken sind Kernbankensysteme noch vielfach als Eigenlösung vorzufinden, ansonsten basieren sie auf Lösungen der Standard-Software-Hersteller.

(Legacy-)Kernbankensysteme zeichnen sich in der Regel durch die folgenden technischen Merkmale aus:

  • Die hochleistungsfähigen Applikationen sind über Jahre hinweg gewachsen und proprietär.
  • Eine stark differenzierte bankfachliche Funktionalität ist vorhanden; durchaus auch mit hohem Anteil an nicht mehr genutztem Code aus früheren Implementierungen.
  • Die Implementierung ist komplex, intransparent und wenig modularisiert.
  • Der Betrieb des Systems ist stark release-gebunden und sehr wartungsintensiv; durch die vielen Abhängigkeiten und Seiteneffekte birgt jede Änderung Risiken, die sich nur durch intensives Testen reduzieren lassen.
  • Notwendige Erweiterungen lassen sich nur mit hohem Aufwand in den bestehenden Software-Strukturen implementieren und tragen wiederum zur Komplexitätserhöhung des Systems bei.
  • Durch die Vielzahl der Funktionen sind Benutzeroberflächen unübersichtlich, die Bedienung ist mit hohem Schulungsaufwand verbunden.
  • Funktionalitäten des Front- und Back-Office sind nicht voneinander zu entkoppeln.
  • Die Integration des Kernbankensystems in die Systemlandschaft erfordert einen hohen Aufwand.
  • Spezielle Betriebsanforderungen führen zu einer geringeren Auswahl an Betreibern für Rechenzentren im Markt.
  • Nicht alle Services und notwendige Daten stehen in Echtzeit für eine Interaktion an einer externen Schnittstelle zur Verfügung.
  • Ein enormer Datenhaushalt zu Kundendaten und Transaktionen – und damit potenzielles Wissen – ist vorhanden, wird aber nicht genutzt.
  • Mitarbeiterprozesse sind an das System gebunden; die Ausrichtung der Funktionen an die Arbeitsprozesse der Bank ist damit nicht immer möglich beziehungsweise nur sehr aufwändig anzupassen.
  • Bei Standard-Softwarelösungen sind oftmals sehr viele Möglichkeiten zur Parametrierung gegeben; damit sind sie auch äusserst beratungsintensiv und meist nur von externer Seite zu bewältigen.
  • Das Know-how für Legacy-Programmiersprachen wie Cobol geht durch ihre schwindende Relevanz sukzessive verloren. Das Problem hierbei ist, dass sich kein Know-how mehr zu vernünftigen Preisen beziehen lässt. Weiterentwicklungen sind deshalb teuer und die Betriebskosten mit diesen Systemen sind ebenfalls teurer als auf einer modernen Infrastruktur.  Daher wird es immer schwieriger, sie – zumindest in komplexeren Ausführungen – weiterzuentwickeln und zu implementieren.
  • Diese Merkmale eines Kernbankensystems ziehen nicht nur einen stetig steigenden technischen Aufwand nach sich, sondern beschränken auch die fachliche Weiterentwicklung. Innovationen werden durch das überholte Kernbankensystem entweder wesentlich teurer oder sogar unmöglich.

Änderungen beim Kernbankensystem erfordern hohe Investitionen

Banken müssen systemtechnisch gesehen nicht nur das kontoführendes Kernbankensystem unterhalten, sondern auch eine Vielzahl sonstiger Applikationen bereitstellen. Diese werden im Zusammenhang mit dem Kernbankensystem oftmals als «Umsysteme» deklariert. Nur mit einer umfassenden Anwendungslandschaft – abhängig auch vom konkreten Geschäftsmodell der Bank – ist es heutzutage möglich, das Bankgeschäft abzubilden sowie die notwendigen regulatorischen Anforderungen und die Prinzipien einer «ordnungsgemässen kaufmännischen Buchführung» zu erfüllen.

Sind neben dem Kernbankensystem auch einzelne dieser Umsysteme veraltet oder nur über proprietäre Schnittstellen angebunden, verschärft sich die technologische Herausforderung für Banken. Wird das Kernbankensystem geändert oder sogar migriert, kann sich dies massgeblich auf die Umsysteme beziehungsweise die Schnittstellen zu ihnen niederschlagen. Dies gilt genauso auch umgekehrt.

All diese Punkte senken den Budgetrahmen für notwendige Erneuerungen und Innovationen. Denn der laufende Betrieb des Kernbankensystems erzeugt einen enormen Bedarf an Ressourcen – unter anderem für Mitarbeiter und Rechenleistung. Verschiedene Studien belegen diesbezüglich einen Wartungsanteil des operativen IT-Budgets von bis zu 70 bis 75 Prozent.

Nutzt eine Bank das Kernbankensystem eines Standard-Softwareherstellers, kommen weitere Kosten hinzu. Neben den Lizenzgebühren und Kosten für das Rechenzentrum ist dies vor allem der Aufwand für obligatorische Updates und Releases. Vor allem das intensive Testen der betroffenen Applikationen und umfangreiche Regressionstests treiben den Aufwand bei neuen Releases in die Höhe.

In der Regel erfordern die aktuellen Trends und Innovationen im Finanzdienstleistungssektor keine unmittelbaren Erweiterungen der bankfachlichen Leistungsfähigkeit des Kernbankensystems. Es handelt sich vielmehr um funktionale Anforderungen, die sich an der Kundenschnittstelle abspielen.

Welche IT-Strategien hierfür erfolgversprechend sind, kommt im nächsten und letzten Teil dieser Blogserie zur Sprache.

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